2020

FHR NRW 2020

Dr. Benjamin Limbach

Das Jahr 2020 brachte erhebliche Veränderungen für Fachhochschule und Ausbildungszentrum mit sich. So waren vor allem weitere Unterbringungsmöglichkeiten für die steigenden Studierendenzahlen notwendig. Bereits im Vorjahr hatten wir mit dem Beschluss über Anmietung von Unterkunfts- und Unterrichtsräumen im Bildungspark Essen die Voraussetzungen für den neuen zweijährigen Vorbereitungsdienst für die Laufbahngruppe 1.2 in den Gerichten und Staatsanwaltschaften geschaffen. Seit Ende des Jahres 2019 verhandelten wir nun mit unterschiedlichen Eigentümern über die Anmietung weiterer Räumlichkeiten in Bad Münstereifel, um die zusätzlichen Studierenden im Studiengang Rechtspflege unterbringen zu können. Und schließlich zeichnete sich ab, dass ich die Fachhochschule und das Ausbildungszentrum im Frühjahr in Richtung der Hochschule des Bundes in Brühl verlassen würde und meine Nachfolge zu besetzen wäre. Eigentlich also schon ein ausreichendes Programm für das Jahr 2020.

In diesen ersten Wochen des Jahres 2020 schlichen sich dann aber so langsam ganz andere Nachrichten in unser Bewusstsein. In China war eine spezielle neue Grippe ausgebrochen. Eine Pandemie schien sich zu entwickeln, möglicherweise weltweit. Dann tauchten erste vereinzelte Fälle in Deutschland auf. Schließlich kam es im Karneval zu einem größeren Ausbruch in Heinsberg. Und so wurde diese Pandemie immer mehr Thema auch für uns in Fachhochschule und Ausbildungszentrum. Welches Ausmaß würde die Pandemie nehmen und in welcher Geschwindigkeit sich ausbreiten? Wie schwer würden Krankheitsverläufe werden und welche Maßnahmen zur Eindämmung wären zu treffen? Erste Besprechungen hierzu mit dem Ministerium fanden statt. Es war Neuland für uns Alle.

Wir hatten natürlich vor allem im Blick, dass unsere Studierenden und Auszubildenden nicht nur aus ganz Nordrhein-Westfalen, sondern auch aus anderen Bundesländern kamen. Wir beschlossen, uns mit dem für uns zuständigen Gesundheitsamt in Euskirchen zu vernetzen, gleiches taten die Kollegen in Monschau. Schnell merkten wir, dass es so richtig keine Pläne für eine solche Pandemie gab. Improvisation und Flexibilität waren gefragt.

Erst Woche für Woche, dann Tag für Tag stieg die Nervosität, sowohl unter den Studierenden und Lehrgangsteilnehmerinnen und -teilnehmern als auch in der Dozentenschaft und in der Verwaltung. Anfang März diskutierten wir schon, wie eine Lehre unter Pandemiebedingungen aussehen könnte. IT-affine Dozenten stellten eine erste Videolösung vor. Gleichzeitig überlegten wir, was wir tun würden, wenn es zu einem Ausbruch unter den Studierenden und Lehrgangsteilnehmern käme. Eine Quarantäne in den Unterkünften schien uns angesichts des offenen Geländes und einer zu erwartenden wachsenden Sorge unter den Nichtinfizierten kaum durchsetzbar.

Und so kam der 13. März 2020, ein Freitag. Die Aufregung war noch größer geworden. Wir versuchten die Sorgen ernst zu nehmen und gleichzeitig Ruhe auszustrahlen. Gegen Mittag kam die Meldung, dass die Schulen und Hochschulen ab Montag in den Lockdown wechseln würden. Gleichzeitig erreichte uns die Meldung aus dem Ministerium, wir müssten uns keine Sorgen machen, unser Lehrbetrieb würde weiterlaufen. Wir wiesen darauf hin, dass wir nicht sicher absehen könnten, ob wirklich alle Studierenden und Lehrgangsteilnehmer aus dem Wochenende zurückkehren würden. Gleichwohl informierten wir vorsorglich alle Beteiligten.

Bis Samstagmittag hatte ich so viele Mails und Anrufe mit Protesten gegen die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs am Montag erhalten, dass ich nach intensiver Diskussion mit dem Ministerium entschied, dass auch wir – wenn auch schweren Herzens – den Lehrbetrieb vor Ort nach dem Wochenende nicht wieder aufnehmen würden. Gleichzeitig leiteten wir schon an diesem Wochenende die Beschaffung einer ersten Lehr-Software in die Wege. Uns war bewusst, dass wir damit die Beschaffungsregelungen nicht ganz einhalten würden, andererseits sahen wir die Notwendigkeit, den Lehrbetrieb so bald wie irgend möglich fortzusetzen. Und so konnten schon in der nächsten Woche erste Lehrveranstaltungen per Video stattfinden.

Und das war der richtige Weg. Denn später wurde entschieden, dass anders als an anderen Hochschulen und Universitäten die Hochschulen des öffentlichen Dienstes den Lehrbetrieb ohne Unterbrechungen und Freisemester fortsetzen sollten. Die Jahrgänge sollten pünktlich in die Abschlussprüfung gehen und die nächsten Jahrgänge wie geplant ihr Studium aufnehmen.

Auf dem Gelände wurde es ab diesem 13. März für viele Wochen sehr ruhig. Viel zu ruhig für unseren Geschmack. Eine Hochschule ohne Studierende und Lehrende ist öde. Zumal wir als Verwaltung auch ein Wechselmodell mit zwei Gruppen einrichteten, die möglichst nicht gleichzeitig anwesend sein sollten. Und so waren wir schon geradezu dankbar, als das Ministerium anfragte, ob wir für ein paar Tage die Diensthundestaffel aufnehmen könnten, damit diese in den leeren Studienräumen trainieren könne. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns schon über jede Form eines Lehrbetriebes gefreut, auch über vierbeinige Studierende.

Als ich mich Mitte Mai von der Hochschule verabschiedete, war das daher ein seltsamer, fast unwirklicher Abschied. Zu ungefähr zehnt standen wir auf der Terrasse, im gebührenden Abstand zueinander mit ein paar Getränkekisten zwischen uns inmitten einer ungewohnt stillen Hochschule.

Mein Fazit aus dieser Zeit: Es ist gelungen, den Lehrbetrieb am Laufen zu halten, die Jahrgänge in die Abschlussprüfungen zu bringen und neue Jahrgänge in die Hochschule zu integrieren. Das ist allein dem großartigen Einsatz aller Beteiligten in Dozentenschaft und Verwaltung sowie der Flexibilität und dem Leistungswillen unserer Studierenden und Lehrgangsteilnehmerinnen und -teilnehmer zu verdanken. Diese Jahrgänge kann wahrscheinlich in ihrem Berufsleben nicht mehr viel schrecken.

Dr. Benjamin Limbach

Minister der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen

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