„Das ist unvorstellbar!“
Noch am Nachmittag des 14. Juli 2021 konnte ich nicht erahnen, dass nahezu jedes meiner Gespräche der kommenden Tage und Wochen von diesem Satz geprägt sein würde. An diesem Nachmittag – so unmittelbar vor der Flutkatastrophe der kommenden Stunden – freute ich mich darauf, in wenigen Wochen bereits mehr als 270 neue Studierende im Fachbereich Rechtspflege begrüßen zu dürfen; und dies in Präsenz auf unserem Campus in Bad Münstereifel – nach vielen Monaten der digitalen „Corona-Fernlehre“.
Ich war froh darüber, dass wir hierauf gut vorbereitet waren und alle Studierenden des neuen Jahrgangs gleich zu Beginn ihres Studiums mit Tablets ausgestattet werden konnten. Auch freute ich mich darüber, dass wir unsere Studierenden des noch laufenden „Abschlussjahrgangs“ trotz der vielfältigen Folgen der Pandemie, darunter viele und lange Phasen der digitalen Lehre, in den beiden noch vor uns liegenden Wochen durch ihre schriftlichen Prüfungsarbeiten vor Ort begleiten würden. Sehr positiv gestimmt arbeitete ich also am 14. Juli 2021 in meinem Büro in Bad Münstereifel und formulierte eine an alle Studienanfänger/innen gerichtete E-Mail, die am kommenden Morgen versendet werden sollte. Darin wollte ich die Studierenden dazu aufrufen, sich – falls noch nicht geschehen – schnellstmöglich zum Schutz vor einer Infektion mit dem Corona-Virus impfen zu lassen. Dass wir diese Rund-Mail am nächsten Morgen nicht würden versenden können und ich, der ich als Pendler in Bad Münstereifel arbeite, mich an diesem Tag um meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort sorgen und auch erst Tage später sicher sein würde, dass alle meiner Kolleginnen und Kollegen diese Katastrophe ohne Schaden an Leib und Leben überstanden hatten, kam mir zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn.
Das Unwetter vom 14./15. Juli 2021, das in den folgenden Stunden über Bad Münstereifel, den Kreis Euskirchen und weite Teile des Landes hereinbrach, war verheerend: In dieser Katastrophe verloren viele Menschen ihr Leben. Und am Morgen des 15. Juli waren die Kernstadt von Bad Münstereifel sowie weitere Ortsteile kaum wiederzuerkennen: Einzelne Häuser waren komplett zerstört oder schwer beschädigt, Straßen tief aufgerissen bzw. unterspült, Häuser und Keller mit Wasser und Schlamm geflutet, Autos und Container – wie Spielzeuge durch die Straßen gespült worden und waren mit Geröll und Gegenständen aus den Häusern, den Gärten und von den Straßen überall verteilt. In weiten Teilen des Kreises und der Stadt gab es nunmehr keinen Strom, keine Wasserversorgung und kein Telekommunikationsnetz mehr; kaum jemand vor Ort war per Mobilnetz erreichbar.

Von den Folgen der Überflutungen waren auch viele Mitarbeiter/innen der Hochschule betroffen. Einige wurden evakuiert, waren tagelang ohne Strom, Telekommunikation und Wasser, erlitten erhebliche Schäden an ihren Wohnungen und an ihrem Hab und Gut. Betroffenen konnten wir zum Glück eine Notunterkunft anbieten, anderen, die mit Tod und Verlusten umgehen mussten, auch psychologische Hilfe. Wir gaben unkompliziert Sonderurlaub, damit sich die Kolleginnen und Kollegen sogleich um ihre Liebsten und die existenziell wichtigen Dinge kümmern konnten.
Wir, als Fachhochschule, waren – wenn man die Gebäude betrachtetet – in dieser Nacht zugleich noch mit einem blauen Auge davongekommen: Vergleichsweise wenige unserer Studierenden-Unterkünfte, nämlich rund 40 Räume, und einige Funktionsräume in vier der von uns genutzten Gebäude waren mit Wasser und Schlamm überflutet worden. Die betroffenen Räume, die Möbel und das gesamte Inventar waren damit unbrauchbar und mussten – wie die Böden auch – komplett entkernt bzw. entsorgt werden; die Räumlichkeiten wurden in den Folgemonaten aufwändig saniert und neu ausgestattet.
Schon sehr rasch nach der Unglücksnacht konnte die Verwaltung der Hochschule trotz allem einen stark eingeschränkten Betrieb in unserer neuen, höher gelegenen Liegenschaft in der Willy-Brandt-Straße aufnehmen. Hier verfügten wir zum Glück über Strom, Wasser und Telekommunikationsmöglichkeiten. Unseren Lehrbetrieb am Standort Bad Münstereifel überführten wir sogleich in die digitale Lehre. Der Prüfungsbetrieb wurde kurzfristig von den Oberlandesgerichten und der Justizvollzugsschule übernommen, worüber wir sehr dankbar waren.
Besonders misslich war die Situation auch für unsere Studierenden, die zu Beginn des Monats August ihr Studium – nach der letzten Corona-Welle und zu Beginn des neuen Studienjahres – in Präsenz in Bad Münstereifel hätten aufnehmen oder fortsetzen sollen. Sie mussten ihr Studium vorübergehend und für einige Wochen, bis die Infrastruktur in Bad Münstereifel anderes wieder ermöglichte, zunächst in digitaler Lehre absolvieren.
Zugleich tat sich in den kommenden Tagen und Wochen sehr viel vor Ort in Bad Münstereifel: Die überfluteten Keller und Häuser wurden – auch dank vieler Helferinnen und Helfer – weitestgehend geräumt, die unbrauchbar gewordenen Habseligkeiten zunächst an mehreren Stellen im Stadtgebiet gesammelt und von dort aus abtransportiert. Das Technische Hilfswerk riss Bauwerke zum Teil ab oder sicherte sie, verfüllte Straßen mit Schotter und machte diese jedenfalls in Teilen wieder provisorisch befahrbar. Auch die Versorgung mit Strom, Wasser und Telefon wurde schrittweise wiederhergestellt. Aber auch Monate nach diesem furchtbaren Ereignis war die Stadt sichtbar verwundet und die Arbeiten liefen noch an vielen Stellen weiter.

Da wir mit unseren Gebäuden ja noch vergleichsweise glimpflich davongekommen waren und wir mit dem schon genannten Gebäude in der Willy-Brandt-Straße vom ersten Tag an noch ein funktionstüchtiges Studierendenwohnheim hatten, boten wir auch der Stadt schon Stunden nach Eintritt der Katastrophe Notunterkünfte an. Wir stellten dort auch Unterkünfte und Besprechungsräume für die Helfer/innen u.a. des Technischem Hilfswerks zur Verfügung. Unmittelbar nach dem Unglück versorgte zudem unser damaliger Caterer aus der Küche des Gebäudes heraus die Helfer/innen und Bewohner in der besonders betroffenen Kernstadt mit warmen Essen. In einem anderen Gebäude stellten wir Tage später dann Räumlichkeiten für die Beantragung, die Bearbeitung und die Auszahlung der Soforthilfen des Landes und später auch für die Beratung im Rahmen der Wiederaufbauhilfe bereit.
Besonders beeindruckt hat mich nicht nur die Wucht dieser, in diesem Ausmaß für uns nicht vorhergesehene Naturkatastrophe und die verheerenden Folgen, sondern vor allem auch die große Hilfsbereitschaft der professionellen und vor allem auch der vielen ehrenamtlichen / freiwilligen Helfer. Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir dabei eine kleine Gruppe von Studierenden der Fachhochschule, die sich gerade in der Praxisphase befand, sofort Urlaub nahm und sich mit einem Camper spontan nach Bad Münstereifel begab. Die Studierenden befreiten hier sodann vier Tage lang Keller und Räume ihnen – bis dahin – völlig fremder Menschen von Schlamm, Wasser und zerstörten Möbeln.
Auch die Hilfsbereitschaft der Mitarbeitenden der Hochschule untereinander war großartig. Und auch die Hilfsangebote, die uns aus ganz Nordrhein-Westfalen und sogar aus anderen Bundesländern unterbreitet wurden, haben mich sehr beindruckt. Auf die ersten diesbezüglichen Anfragen, die mich schon am Tag nach der Katastrophe erreichten, bat ich unseren Förderverein, sein Konto für den Empfang von angekündigten Spendengeldern zur Verfügung zu stellen. Das Ergebnis der Aktion war überwältigend: Rund 44.000 € konnten, nachdem ein mit Mitgliedern der Personalräte paritätisch besetztes Gremium über die Verteilung entschieden hatte, Anfang September 2021 an die von der Flut besonders betroffenen Justizangehörigen der Fachhochschule ausgezahlt werden. Auch im Namen dieser Kolleginnen und Kollegen bedanke ich mich an dieser Stelle nochmals bei allen Spenderinnen und Spendern herzlichst. Meine Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Studierenden unserer Hochschule, haben die damaligen Herausforderungen – wie ich finde – mit Bravour gemeistert. Ihnen allen gilt mein ganz besonderer Dank. Uns allen wünsche ich, dass wir von solchen Krisen zukünftig verschont bleiben.
Direktor der Hochschule der Justiz Nordrhein-Westfalen



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