1989

Rain Man, Tina und der Mauerfall

Sigrid Hellweg

Ein Studienbeginn zwischen Gemeinschaftsdusche, Mauerfall und Aufbruch

Zur Vorbereitung auf diese ehrenvolle Aufgabe habe ich mir meine Bilder aus Bad Münstereifel aus 1989 angesehen. Im Kino liefen „Rain Man“ und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, im Radio „I want it all“ von Queen, „The Best“ von Tina Turner und David Hasselhoff war auf der Suche nach Freiheit. Richtig Achtziger!

Für mich persönlich war es ein besonderes Jahr: Im Mai Abitur, im Juli der erste Urlaub mit meinem Schatz und im August der Start meiner Ausbildung zur Rechtspflegerin. Im September dann das Kennenlernen mit der Jubilarin, damals: der Fachhochschule für Rechtspflege des Landes Nordrhein-Westfalen.

Damals gab es noch den Einführungsmonat, so dass wir erst Anfang September das fachtheoretische Studium aufgenommen haben. Durch diese Aufwärmphase  kannten wir schon die Studierenden aus der Heimat. In Studium I ging es noch ganz gemütlich los. Die Unterrichte fühlten sich an wie Schule. Wir waren rundum versorgt – jedenfalls diejenigen, die wie ich am Hauptstandort wohnen konnten – und aufgrund der Doppelzimmer und Gemeinschaftsduschen konnte wirklich niemand verloren gehen. Zum Ende des Jahres, als in der Woche vor den Weihnachten gleich vier Klausuren zu absolvieren waren, hat die Sache dann Fahrt aufgenommen. Aber das haben wir auch zusammen hinbekommen. 

Ich habe aus der Zeit nur Fotos gefunden, auf denen wir feiern, aber natürlich haben wir auch oft über den Skripten gehangen – wir hatten ja überwiegend noch nicht einmal Fernsehen auf unseren Zimmern! So auch an einem Vizepacktach (also einem Donnerstag) Abend im November. Ich bekam einen Anruf von meiner Schwester und wurde zum Flurtelefon gerufen. Ob zu Haus etwas passiert ist? „Kriegst Du da in der Eifel hinter dem Friedhof eigentlich mit, was in Berlin los ist?“ tönte es aus dem Hörer. Tatsächlich. Ich hatte natürlich noch nicht mitbekommen, dass die neue, großzügige Reiseregelung „ab sofort, unverzüglich“ gelten sollte. Wir haben uns dann auf ein Zimmer mit Fernseher begeben und konnten die unglaublichen Bilder vom Grenzübergang Bornholmer Straße sehen. Seit ich denken konnte, kannte ich nur den kalten Krieg.

An diesem Abend war für mich nicht zu erahnen, dass ich schon zwei Jahre später im Studium II – inzwischen war „Wind of change“ von den Scorpions in den Charts –  zahlreiche AnwärterInnen, die aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zum Studium nach NRW gekommen sind, auf der Begrüßungsparty kennen lernen würde, dass die Fachhochschule ihre Kapazitäten in kürzester Zeit vervielfacht und dass ich 1994 die Chance bekommen würde, als junge Rechtspflegerin nach Mecklenburg-Vorpommern zu gehen, um mich im Grundbuch und einigen anderen Fachgebieten nützlich zu machen. Ich hatte das Glück, dass NRW neben dem Partnerland Brandenburg auch Mecklenburg-Vorpommern personell unterstützt hat. So konnte ich genau da arbeiten, wo mein Vater in den fünfziger Jahren – beeindruckt durch den 17. Juni 1953 – die Koffer gepackt hat, um in Nordrhein-Westfalen neu anzufangen.

In Mecklenburg-Vorpommern habe ich mit vielen sogenannten BereichsrechtspflegerInnen zusammengearbeitet. Ich habe nach wie vor großen Respekt für den Mut und den Pioniergeist, mit dem sie das große Grundbuchamt im kleinen Amtsgericht ins Laufen gebracht und Stück für Stück ihr Rechtspflegestudium in Etappen durchlaufen haben. In dieser Zeit war weithin spürbar, dass RechtspflegerInnen nicht auf dem Arbeitsmarkt warten oder vom Himmel fallen, sondern dass man sie gut und bedarfsgerecht ausbilden muss.

So steht für mich die Geschichte unserer Hochschule nicht nur für Ausbildung, sondern auch für Aufbruch, Chancen und gelebten Zusammenhalt – und ich wünsche ihr, dass sie auch in Zukunft viele Generationen von Rechtspflegerinnen und Rechtspflegern auf ihrem Weg prägt.

Sigrid Hellweg

Leiterin des Ministerbüros im Ministerium der Justiz Nordrhein-Westfalen

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