1998

So schließt sich der Kreis

Karin Kargol

Als ich am 27.08.1991 als Anwärterin mit einem ziemlich mulmigen Gefühl zur Justizausbildungsstätte Brakel anreiste, ahnte ich noch nicht, welch aufregende und schöne Zeit mir bevorstand. Auf die Teilnehmer des 45. Lehrgangs der JAS warteten sechs Monate purer Stress – vor allem, weil es eine logistische Meisterleistung war, die Unterrichtszeiten und den zu erlernenden Stoff in die umfassenden Freizeitaktivitäten zu integrieren.

Da es seinerzeit weder Smartphones gab, die uns unterhielten, noch Fernseher die kargen Zimmer wärmten, blieb uns nichts anderes übrig, als das gesellschaftliche Leben analog zu revolutionieren: Fußball- oder Tennisturniere wurden mit eigens organisierter Cheerleader-Unterstützung inszeniert und unzählige Partys – wie Schnüffelfete, Bayernabend, Bergfest, Winzerfest oder die berühmten Einfach-mal-so-Partys – gefeiert.

Bereits nach 2 – 3 Wochen kannte man das komplette Gebäude und vor allem sämtliche Teilnehmer. Man kannte sich und unterstützte sich gegenseitig.  

Telefonischen Kontakt mit Daheim nahmen wir durch die im Keller stehenden drei Telefonzellen auf, vor denen sich abends Schlangen bildeten, was die Gesprächsdauer auf ein Minimum reduzierte.

Bei der sonntagabendlichen Anreise erschienen zuerst die mit orangefarbenen Vorhängen verhängten erleuchteten Fenster und es fühlte sich ehrlicherweise nicht so an, als würde man auf eine seriöse Einrichtung der Justiz zufahren. Die ebenfalls in sattem Orange gehaltenen Zimmertüren taten ihr Übriges und erzeugten diesen besonderen, unvergesslichen „Brakel-Charme“.

Das Schönste jedoch, was ich neben meinem Wissen aus diesen sechs Monaten mitgenommen habe, sind viele sehr lustige Erinnerungen und die wunderschöne Freundschaft zu einem besonderen Menschen, der seither meinen Lebensweg begleitet.

Zwischen 1997 und dem Jahr 2000 durfte ich mich sodann als Anwärterin bei der FHR in Bad Münstereifel „einmieten“. Hier stand ehrlicherweise das Lernen an erster Stelle und das Freizeitvergnügen stand brav hintenan. Dieses war jedoch in der Gemeinschaft nicht weniger schön, wenn ich an das Sportfest, die Karnevalsfeier, Kegelabende und vor Allem die Abende bei und mit Sonja denke.

Nach dem ersten Kulturschock über die gemeinschaftlichen sanitären Anlagen in der FT I war das Entzücken in der FT II über die Unterbringung in der luxuriösen „neuen FH“, heute BAM II umso größer. Wenn dies damals jedoch das größte Problem war, ist es wohl unterm Strich recht gut ausgegangen.

Das Wichtigste für mich, auch aus dieser Zeit ist, dass mich seither zwei weitere wunderbare Menschen in meinem Leben begleiten, mit denen mich eine tiefe Freundschaft verbindet.

Was die JAS und die FHR eint, ist, dass die Anwärter/innen in ihrer Lebensphase, die sie in egal welcher Einrichtung der Justiz verbringen, auf so viele Gleichgesinnte in ihrem Leben treffen, wie vermutlich nie wieder in ihrem normalen Arbeitsalltag. Eine wichtige Rolle spielen auch die Lehrkräfte und Dozenten, die durch ihre ganz eigene Art, ihren Humor und ihre Lebenshaltung Einfluss auf „ihre“ Anwärter nehmen.

Nun bin ich seit Januar 2022 als Lehrkraft am Ausbildungszentrum der Justiz in Essen tätig und genieße meine Tätigkeit sehr. Es ist schön, die Möglichkeit zu haben, etwas weiterzugeben. Damit meine ich nicht nur das reine Fachwissen. Ich möchte den heutigen Anwärtern auch das Bewusstsein vermitteln, dass sie sehr selten in ihrem Leben mit so vielen jungen gleichgesinnten Leuten zusammentreffen werden. Sie sollten diese Chance abseits des Schreibtisches nutzen und die Zeit genießen. Instagram, TikTok und Co. warten auch nach den 3-monatigen fachtheoretischen Abschnitten noch. Und so müssen alle Anwärter, die ich unterrichte, wohl oder übel einmal meine warmen Worte über sich ergehen lassen, auch wenn ich mich redlich bemühe, nicht wie eine Veteranin von „guten alten Zeiten“ zu schwärmen.

Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich sage:

Lernen bildet nicht nur, es verbindet auch!

Karin Kargol, seinerzeit Berning

Lehrkraft am Ausbildungszentrum der Justiz

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