2005

RASYS

Torsten Löwe

Es ist das Jahr 2005. Die Justiz des Landes ist bereits seit mehr als zehn Jahren aus ihrem IT-Dornröschenschlaf erwacht und hat die Vorteile der „modernen Datenverarbeitung“ längst erkannt. Zwar noch nicht flächendeckend und überall, doch im vergangenen Jahrzehnt ist eine Vielzahl ambitionierter Fachverfahren aus dem Boden geschossen: teils als Graswurzelprojekte engagierter Praktikerinnen und Praktiker, teils bereits auf Ebene der Mittelbehörden mehr oder weniger koordiniert. Einheitliche Strukturen oder zentrale Einrichtungen wie den heutigen ITD gibt es noch nicht.

Die Fachhochschule für Rechtspflege mischt zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren vorne mit – unter anderem in der Mobiliar- und Immobiliarvollstreckung, aber auch bei der Unterstützung der zahlreichen Rechtsantragstellen des Landes. Damals wie heute sind dies Orte, an denen nicht selten große zwischenmenschliche und prozessuale Dramen rechtsuchender Bürgerinnen und Bürger ihren Anfang nehmen. Zugleich sind es Arbeitsplätze, an denen insbesondere dienstjunge Rechtspflegerinnen und Rechtspfleger handfeste, praktische Unterstützung gut gebrauchen können: als „universelle Lotsen“ für Menschen, die mit ihrer rechtlichen Situation häufig überfordert sind.

Genau dafür gibt es im Jahr 2005 das Fachverfahren RASYS – und eine bunte Truppe, die das System am Atmen und bis zu seinem Ende im Jahr 2019 über mehr als zwanzig Jahre hinweg am Leben hält.

1993 kam ein junger Rechtspfleger mit beachtlichen Programmierfähigkeiten an die FHR – nicht ganz zufällig „pünktlich“ zum Abschluss des Forschungsprojekts Rechtsantragstelle. Eine der zentralen Erkenntnisse der Forschenden: Nicht jedes Gericht musste das Rad neu erfinden – oder genauer gesagt: eigene Fassungen von rund 140 verschiedenen Antragsformularen für die Rechtsantragstellen entwickeln. Stattdessen sollte das gebündelte Wissen in einem gemeinsamen Werkzeug allen Rechtsantragstellen des Landes zur Verfügung stehen.

Gesagt, getan: Bereits 1994 erblickt das von Andreas Dormann unter Windows 3.1 programmierte RASYS das Licht der Welt. Nun muss es mit Antragsvorlagen gefüllt werden, die auf Word-Makros beruhen. Gerade diese technische Grundlage sollte für das spätere, unerwartete Dahinscheiden dieses Urgesteins der Justizformularsysteme noch einmal entscheidend werden.

Arbeitsame Atmosphäre in der Verfahrenspflegestelle RASYS

Die Bilder zeigen die Arbeit der Mitglieder der Verfahrenspflegestelle in dieser Zeit: zwischen lebhaften Diskussionen über Formularänderungen, Dreharbeiten zu gelegentlich etwas klischeehaft geratenen Lehrfilmen und der Vorbereitung alles andere als langweiliger Praxisseminare. Auch in der Justizfortbildung verdrängen mitarbeiterzentrierte Workshops damals zunehmend manche althergebrachte Vortragsorgie.

Rollentausch: Christian Sczislo, im realen Leben Rechtspfleger, hier als Schuldner in einem Lehrvideo

Nicht selten gingen die Treffen ab etwa 20 Uhr allmählich in einen gemütlicheren Teil über. Mit einem Glas in der Hand wurde dennoch bis Mitternacht am PC weiterdiskutiert und an den Word-Makros gebastelt.

Für eben diese Makros kam 2019 dann das plötzliche Ende: Aus Sicherheitsgründen wurden sie von einem Tag auf den anderen auf sämtlichen Justizrechnern gesperrt. Damit fand auch RASYS ein jähes Ende.

Das über Jahrzehnte gesammelte Wissen und die damit verbundene Erfahrung gingen jedoch nicht verloren. Sie leben bis heute in der anschließend gegründeten „Fachgruppe Rechtsantragstelle“ fort.

Torsten Löwe

Rechtspfleger am Amtsgericht Wermelskirchen und Mitglied der „Fachgruppe Rechtsantragstelle“ der Hochschule der Justiz Nordrhein-Westfalen

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