2017

Aus der Aula ins KI-Zeitalter

Daniel Jung

Die Lehre an der Hochschule der Justiz im Wandel

Mein erster Arbeitstag an der damaligen Fachhochschule für Rechtspflege im August 2017 ist mir bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben. In der Woche zuvor hatte ich als Richter noch Urteile und Beschlüsse unterzeichnet; nun wurde ich nach einem kurzen Einführungsgespräch in die Aula gebeten, um dort als neuer Studiengruppenleiter der R 102 Platz zu nehmen. Plötzlich blickte ich in viele junge, erwartungsvolle Gesichter. Vor den Studierenden lag ein neuer Lebensabschnitt. Mir wurde in diesem Moment klar, dass für mich dasselbe galt. Was ich damals nicht ahnte: Auch die Hochschule selbst stand vor erheblichen Veränderungen und Herausforderungen.

Wenn ich heute auf diesen Moment im August 2017 zurückblicke, staune ich, welche Entwicklung die Hochschule seitdem genommen hat. Im Jahr 2017 spielte die „digitale Lehre“ nach meiner persönlichen Wahrnehmung im Alltag vieler Lehrender – abgesehen von der Nutzung einiger Basisfunktionen der Lernplattform ILIAS – kaum eine Rolle. Auch eine fortlaufende systematische didaktische Weiterbildung der Lehrenden fand damals nur in einem sehr begrenzten Rahmen statt.

Ein entscheidender Einschnitt für die digitale Lehre an unserer Hochschule waren, wie an vielen Bildungseinrichtungen, die bewegten Jahre der Corona-Pandemie 2020 und 2021. In dieser Zeit intensivierte sich für mich persönlich der Kontakt zu meinem Kollegen Andreas Dormann, dem heutigen Leiter des später gegründeten Zentrums für Informationstechnologie und Mediendidaktik (ZIM). Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung im E-Learning und seiner Mitarbeit in der Bundesarbeitsgemeinschaft „Digitale Lehre an Hochschulen des öffentlichen Dienstes“ (BAG) war er – über unsere Hochschule hinaus – einer der zentralen Ansprechpartner bei der kurzfristigen Umstellung auf pandemiegerechte Fernlehre.

Ich selbst übernahm 2020 im Fach Allgemeines Bürgerliches Recht in Abstimmung mit dem damaligen Fachleiter, Prof. Dr. Knut Jacobi, die Koordination bei der Planung und Erstellung digitaler Lehrelemente in diesem Lehrfach. Im Fach ABR entstand ein kurzfristig umgesetztes „Flipped-Classroom“-Konzept: Abstrakte Lehrinhalte wurden in kurzfristig produzierten Lehrvideos vermittelt, ergänzt durch erste interaktive Elemente, während die Fallübungen unter Anleitung der Lehrenden in „Webinaren“ stattfanden.

Aus dieser Phase ist mir auch die erste – und bislang einzige – digitale Weihnachtsfeier der Hochschule im Dezember 2020 besonders in Erinnerung geblieben. Die Idee entstand, weil viele Studierende, insbesondere die Studienanfängerinnen und Studienanfänger des Jahres 2020, nachvollziehbar beklagten, dass in der Fernlehre der soziale Austausch zu kurz komme. Unser neuer Direktor der Hochschule, Dr. Alexander Meyer, unterstützte diese Idee. Viele Kolleginnen und Kollegen sowie zahlreiche Studierende füllten sie anschließend – mit vielen kreativen Ideen – mit Leben. Das positive Feedback zeigte: Diese ungewöhnliche Weihnachtsfeier brachte in einer schwierigen Zeit gemeinsames Lachen und ein Stück weit auch die schmerzlich vermisste menschliche Nähe.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Meine Abordnung an die Hochschule endete 2021 daher nach einer intensiven, pandemiegeprägten Zeit. Geblieben waren viele neue Erkenntnisse darüber, was digital gestützte Lehre leisten kann – und eine wachsende Vorstellung davon, welches Potenzial in ihr steckt, wenn sie systematisch geplant und aufgebaut wird.

Während meiner anschließenden Zeit am OLG Köln und am LG Bonn blieb der Kontakt zur Hochschule bestehen. Die Gründung des ZIM im Dezember 2021 habe ich aus der Ferne mit großer Spannung verfolgt. Für mich war sie ein Meilenstein: Erstmals wurden medienpädagogische Expertise und eine feste organisatorische Struktur geschaffen, um digitale Lehrelemente konzeptionell zu entwickeln, praktisch umzusetzen und nachhaltig in der Lehre zu verankern.

Als 2022 eine Dozentenstelle ausgeschrieben wurde, deren Schwerpunkt auf der aktiven Mitwirkung an der Weiterentwicklung digitaler Lehrinhalte und Lehrmethoden lag, war meine Entscheidung schnell gefallen: Hier konnte ich meine Erfahrungen aus der Corona-Zeit einbringen und zugleich an der Weiterentwicklung moderner Lehre mitarbeiten. Nach erfolgreicher Bewerbung verstärkte ich ab November 2022 das ZIM-Team.

Die Arbeit im ZIM war von Anfang an spannend und anspruchsvoll. Besonders prägend war die Zusammenarbeit mit den medienpädagogischen Fachkräften Lara Misselich und Dr. Marko Sperling. Als Jurist bringt man aus Studium und Ausbildung nicht automatisch eine ausgeprägte didaktische Perspektive mit. In der juristischen Ausbildung gelten viele didaktische Standards, die in anderen Studienfächern selbstverständlich sind, noch immer nicht in gleicher Weise. Gerade deshalb trafen im ZIM unterschiedliche Denkwelten aufeinander.

Das war aber keine Belastung, sondern entsprach dem interdisziplinären Ansatz des ZIM: pädagogisch-didaktische Expertise mit den besonderen Anforderungen juristisch geprägter Studiengänge zu verbinden – mit dem Ziel, die Lernerfahrung der Studierenden nachhaltig zu verbessern.

Vor diesem Hintergrund begann ich 2023 mit der Entwicklung eines „Blended-Learning“-Projekts. Der Gedanke war, dass das ZIM nicht „nur“ durch Schulungen und Coachings zur Weiterentwicklung der Lehre beitragen sollte, sondern auch durch konkrete, realitätsnahe Lehrprojekte. Digitale Lehransätze sollten gemeinsam mit Lehrenden erprobt, ausgewertet und als Best-Practice-Beispiele nutzbar gemacht werden.

Seitdem ist viel geschehen. Aufbauend auf den Erfahrungen aus diesem Projekt sind zahlreiche weitere digitale Lehrinhalte entstanden. Besonders hervorzuheben sind etwa die im Fach Kostenrecht von engagierten Kolleginnen und Kollegen konzipierten und vom ZIM mitproduzierten Lehrvideos. Daneben wurden zahlreiche weitere spannende Projekte angestoßen. Dazu gehören beispielsweise neben neuen professionellen Lehrvideo-Formaten ein digitaler Klausurentrainer für das Fach Familienrecht, ein KI-gestützter Subsumtionstrainer für das Erlernen des juristischen Gutachtenstils oder ein neues Folienprogramm für das Fach Immobiliarsachenrecht, bei dessen Erstellung auf die neuen Möglichkeiten der Bild- und Videogenerierung mittels KI zurückgegriffen wurde.

Diese Entwicklung ist zugleich Teil einer größeren Veränderung an der Hochschule. Die Zahl der Studierenden im Bereich Rechtspflege ist seit 2017 deutlich gestiegen; mit Essen ist ein neuer Standort hinzugekommen. Auch organisatorisch hat sich das Bild erheblich verändert: Neben dem – bereits im Jahr 2017 sehr engagierten – Beauftragten für pädagogisch-didaktikische Angelegenheiten gibt es nun das ZIM, das gemeinsam mit Lehrenden an zahlreichen spannenden medien- und hochschuldidaktischen Projekten zur Qualitätssteigerung der Lehre arbeitet. Neu sind auch ein „Onboarding“ für die frisch aus der Gerichtspraxis abgeordneten Lehrkräfte, regelmäßige didaktische Schulungsangebote für alle Lehrenden und jährlich stattfindende Fortbildungstage, die vom ZIM mitgeplant und mitgestaltet werden.

Auch die technische Ausstattung der Hochschule ist kaum wiederzuerkennen. Was 2017 noch wie ein ferner Traum wirkte – ein zuverlässig funktionierendes WLAN –, ist heute selbstverständlich. Hinzu kommen neben einem modernen Studio für Videoproduktionen („One Button Recording Studio“) moderne Smartboards in den Lehrsälen sowie – nicht zuletzt – die Ausstattung aller Studierenden und Lehrenden mit iPads, die die Nutzung neuer digitaler Formate ermöglichen.

Die Arbeit ist damit aber keineswegs abgeschlossen. Mein nächstes größeres Projekt ist bereits angelaufen: In enger Zusammenarbeit mit Andreas Dormann entsteht unter dem Namen „i3A“ derzeit eine virtuelle zivilprozessuale Ausbildungsakte.

Wenn ich heute auf das Jahr 2017 zurückblicke, wird deutlich, wie viel sich seither an unserer Hochschule bewegt hat. Zugleich habe ich den Eindruck, dass wir noch längst nicht „fertig“ sind. Ich bin überzeugt, dass die kommenden Jahre die Lehre an den Hochschulen des öffentlichen Dienstes vor ganz neue Herausforderungen stellen werden – nicht nur angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz, sondern auch aufgrund vieler weiterer gesellschaftlicher Umbrüche. Umso wichtiger ist es, Lehre nicht nur zu verwalten, sondern sie aktiv weiterzuentwickeln. Seit 2017 durfte ich einen kleinen Teil zur Entwicklung unserer Hochschule beitragen. Dafür bin ich sehr dankbar und blicke gespannt auf die kommenden Aufgaben!

Daniel Jung

Dozent und Mitarbeiter im Zentrum für Informationstechnologie und Mediendidaktik (ZIM) an der Hochschule der Justiz Nordrhein-Westfalen

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Beiträge der Dekade

Freude über das neue Logo der FHR (im Bild: Geschäftsleiterin Heike Romeike, 2010)
2010 Gratulation zum Geburtstag Dr. Corinna Dylla-Krebs
2011 Studienfahrt nach Malta Verfasser unbekannt
2012 Es war einmal… Prof. Dr. Christoph Neukirchen
2013 Dank in Sütterlin Prof. Dr. Peter Münster
2015 Einer von 129 David Schnell
2018 Der Herr Professor containert Prof. Dr. Matthias Becker
2019 § 3 Abs. 7 FHGöD Thomas Schmidt