2018

Der Herr Professor containert

Prof. Dr. Matthias Becker

Musste das sein?

Ja, es musste sein! Auch wenn das Handeln des Herrn Professors – nennen wir ihn Professor B – dem ersten Anschein nach etwas Anderes nahelegt. Es geht hier nicht um die Frage, ob die Entnahme von Lebensmitteln aus Müllcontainern der Hochschule als Diebstahl anzusehen ist. Wer seine eigene bewegliche Sache entnimmt, dürfte sich kaum wegen Diebstahls strafbar machen. Um welche Sache geht es hier?

Das genaue Jahr des Geschehens lässt sich nicht mehr genau bestimmen. Es war in der Adventszeit eines Jahres, in dem die Hochschule ihr „Fach“ noch nicht verloren und „Essen“ noch nicht hinzugewonnen hatte. Das Smartphone war aber schon ein unverzichtbares Werkzeug des Hochschulalltags geworden, insbesondere für Lehrende, die damals bereits mittels einer App ihren Stundenplan dort einsehen konnten. So hatte auch Professor B sein Smartphone stets in der rechten Innentasche seines Sackos verstaut, das für ihn ebenso wie jenes zu einem unentbehrlichen Utensil des Lehrbetriebs geworden war.

Wie wichtig so ein Smartphone ist, bemerkt man erst, wenn es plötzlich nicht mehr da ist. So erging es Professor B am Nachmittag des besagten Tages. Sein Smartphone war weder in der Innentasche des Sackos noch sonst in seinem Dienstzimmer aufzufinden. So machte er sich auf den Weg zurück in die Studiengruppenräume der FH I (heute als BAM I bezeichnet), in denen er am Vormittag gelehrt hatte. Weder dort noch in dem Dozentenaufenthaltsraum, in dem er die Pausen verbracht hatte, fand sich das Gerät. Es schien wie vom Erdboden verschluckt. Erst am Ende seiner kleinen Zeitreise in die Vormittagsstunden fiel unserem Professor ein, dass er nach 13.30 Uhr das Herren-WC im Haus C neben dem sogenannten Dozentenfächerraum aufgesuchte hatte. Er erinnerte sich auch daran, dass er sein Sacko über den weißen Drahtkorb unterhalb des Trockentuchspenders gelegt hatte, der stets mit einem blauen Müllsack ausgekleidet war. Hierzu sah er sich veranlasst, weil das WC nicht mit einem Kleiderhaken ausgestattet war. Konnte es etwa sein, dass dabei das Smartphone aus der Innentasche des Sackos in den Korb gefallen war? Der nachmittägliche Blick in den Korb ließ zunächst Zweifel aufkommen. Der Müllsack im Korb war leer. Noch nicht einmal die üblichen benutzten Papiertücher befanden sich darin. Professor B hatte einen Verdacht: Hatten die Reinigungskräfte etwa den Korb inzwischen geleert? Könnte sich das Smartphone etwa in dem Müllsack befinden, den die Reinigungskräfte üblicherweise in den Müllcontainern hinter Haus B entsorgen?

Diese Spur erwies sich als erfolgversprechend. Professor B setzte sich in sein Auto und fuhr damit an den Müllcontainern vorbei. Mit Erfolg! Bluetooth verband das Fahrzeug mit dem gesuchten Smartphone („Bluetooth connected“). Zehn Meter weiter ertönte das Signal „Bluetooth disconnected“. Das Smartphone musste sich in einem der Müllcontainer hinter dem Haus B befinden. Ein helfender Kollege versuchte, das Smartphone durch einen Anruf zu orten, um so zu wissen, in welchem der Container man suchen musste. Vergeblich, denn das gesuchte Smartphone war – wie üblich – lautlos gestellt. Zudem war mittlerweile der Akku leer, so dass sich keine Verbindung zu dem Gerät mehr aufnehmen ließ. Professor B blieb also nichts Anderes übrig, als systematisch nacheinander jeden Container und jeden darin befindlichen Müllsack mit bloßen Händen zu durchsuchen. Eine durchaus unappetitliche Angelegenheit, wie man sich vorstellen kann.

Inzwischen war die Dunkelheit eingebrochen. Das Treiben des Professors rief den Wachschutz auf den Plan. Auf dessen Frage, was er in den Containern zu suchen habe, antwortete der Professor, er sei Professor an der hiesigen Bildungseinrichtung und ginge hier seinen dienstlichen Aufgaben nach. Jedenfalls sei die Suche nach seinem Smartphone dienstlich veranlasst. Der Wachschutz ließ ihn gewähren und zog kopfschüttelt von dannen.

Die Zeit drängte, denn für den frühen Morgen des Folgetages war die Müllabfuhr zu erwarten. Waren die Müllsäcke samt Inhalt erst auf der Mülldeponie oder in der Müllverbrennungsanlage, war das Smartphone des Professors mit sämtlichen Daten für immer verloren. Ein Szenario, das man sich nicht ausmalen möchte.

Plötzlich stellte sich der gewünschte Fahndungserfolg ein! Im zweiten Sack des dritten Containers erfasste die Hand des Professors ein Gerät, das sich wie ein Smartphone anfühlte. Nachdem er es aus dem Sack herausgezogen hatte, stellte er fest: es ist das gesuchte Smartphone. Es kam ihm wie ein Weihnachtswunder vor. Freudestrahlend reinigte und desinfizierte der Professor gründlich seine Hände. Anschließend begab er sich auf die Weihnachtsparty, die die Studierenden an diesem Abend veranstalteten. Nie hat es einen glücklicheren Professor an dieser Hochschule gegeben.

Wieviel Glück er an diesem Abend hatte, konnte er erst am nächsten Morgen in der Lehrveranstaltung ermessen. Eine Studentin hatte ihr Smartphone vor sich auf dem Tisch in einen mit Reis gefüllten Beutel platziert. Es war ihr am Vorabend in die Toilette gefallen. Das durchnässte Gerät hatte seine Funktionsfähigkeit später nicht mehr wiedererlangt.

Was kann man aus der Geschichte lernen? Manchmal sollte eine Sache tatsächlich einen Haken haben – zumindest das WC der Hochschule.

Prof. Dr. Matthias Becker

Professor an der Hochschule der Justiz Nordrhein-Westfalen

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