Es ist das Jahr 2005. Die Justiz des Landes ist bereits seit mehr als zehn Jahren aus ihrem IT-Dornröschenschlaf erwacht und hat die Vorteile der „modernen Datenverarbeitung“ längst erkannt. Zwar noch nicht flächendeckend und überall, doch im vergangenen Jahrzehnt ist eine Vielzahl ambitionierter Fachverfahren aus dem Boden geschossen: teils als Graswurzelprojekte engagierter Praktikerinnen und Praktiker, teils bereits auf Ebene der Mittelbehörden mehr oder weniger koordiniert. Einheitliche Strukturen oder zentrale Einrichtungen wie den heutigen ITD gibt es noch nicht.
Die Fachhochschule für Rechtspflege mischt zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren vorne mit – unter anderem in der Mobiliar- und Immobiliarvollstreckung, aber auch bei der Unterstützung der zahlreichen Rechtsantragstellen des Landes. Damals wie heute sind dies Orte, an denen nicht selten große zwischenmenschliche und prozessuale Dramen rechtsuchender Bürgerinnen und Bürger ihren Anfang nehmen. Zugleich sind es Arbeitsplätze, an denen insbesondere dienstjunge Rechtspflegerinnen und Rechtspfleger handfeste, praktische Unterstützung gut gebrauchen können: als „universelle Lotsen“ für Menschen, die mit ihrer rechtlichen Situation häufig überfordert sind.
Genau dafür gibt es im Jahr 2005 das Fachverfahren RASYS – und eine bunte Truppe, die das System am Atmen und bis zu seinem Ende im Jahr 2019 über mehr als zwanzig Jahre hinweg am Leben hält.
1993 kam ein junger Rechtspfleger mit beachtlichen Programmierfähigkeiten an die FHR – nicht ganz zufällig „pünktlich“ zum Abschluss des Forschungsprojekts Rechtsantragstelle. Eine der zentralen Erkenntnisse der Forschenden: Nicht jedes Gericht musste das Rad neu erfinden – oder genauer gesagt: eigene Fassungen von rund 140 verschiedenen Antragsformularen für die Rechtsantragstellen entwickeln. Stattdessen sollte das gebündelte Wissen in einem gemeinsamen Werkzeug allen Rechtsantragstellen des Landes zur Verfügung stehen.
Gesagt, getan: Bereits 1994 erblickt das von Andreas Dormann unter Windows 3.1 programmierte RASYS das Licht der Welt. Nun muss es mit Antragsvorlagen gefüllt werden, die auf Word-Makros beruhen. Gerade diese technische Grundlage sollte für das spätere, unerwartete Dahinscheiden dieses Urgesteins der Justizformularsysteme noch einmal entscheidend werden.
Arbeitsame Atmosphäre in der Verfahrenspflegestelle RASYS
Die Bilder zeigen die Arbeit der Mitglieder der Verfahrenspflegestelle in dieser Zeit: zwischen lebhaften Diskussionen über Formularänderungen, Dreharbeiten zu gelegentlich etwas klischeehaft geratenen Lehrfilmen und der Vorbereitung alles andere als langweiliger Praxisseminare. Auch in der Justizfortbildung verdrängen mitarbeiterzentrierte Workshops damals zunehmend manche althergebrachte Vortragsorgie.
Rollentausch: Christian Sczislo, im realen Leben Rechtspfleger, hier als Schuldner in einem Lehrvideo
Nicht selten gingen die Treffen ab etwa 20 Uhr allmählich in einen gemütlicheren Teil über. Mit einem Glas in der Hand wurde dennoch bis Mitternacht am PC weiterdiskutiert und an den Word-Makros gebastelt.
Für eben diese Makros kam 2019 dann das plötzliche Ende: Aus Sicherheitsgründen wurden sie von einem Tag auf den anderen auf sämtlichen Justizrechnern gesperrt. Damit fand auch RASYS ein jähes Ende.
Das über Jahrzehnte gesammelte Wissen und die damit verbundene Erfahrung gingen jedoch nicht verloren. Sie leben bis heute in der anschließend gegründeten „Fachgruppe Rechtsantragstelle“ fort.
Torsten Löwe
Rechtspfleger am Amtsgericht Wermelskirchenund Mitglied der „Fachgruppe Rechtsantragstelle“ der Hochschule der Justiz Nordrhein-Westfalen
Als ich am 27.08.1991 als Anwärterin mit einem ziemlich mulmigen Gefühl zur Justizausbildungsstätte Brakel anreiste, ahnte ich noch nicht, welch aufregende und schöne Zeit mir bevorstand. Auf die Teilnehmer des 45. Lehrgangs der JAS warteten sechs Monate purer Stress – vor allem, weil es eine logistische Meisterleistung war, die Unterrichtszeiten und den zu erlernenden Stoff in die umfassenden Freizeitaktivitäten zu integrieren.
Da es seinerzeit weder Smartphones gab, die uns unterhielten, noch Fernseher die kargen Zimmer wärmten, blieb uns nichts anderes übrig, als das gesellschaftliche Leben analog zu revolutionieren: Fußball- oder Tennisturniere wurden mit eigens organisierter Cheerleader-Unterstützung inszeniert und unzählige Partys – wie Schnüffelfete, Bayernabend, Bergfest, Winzerfest oder die berühmten Einfach-mal-so-Partys – gefeiert.
Bereits nach 2 – 3 Wochen kannte man das komplette Gebäude und vor allem sämtliche Teilnehmer. Man kannte sich und unterstützte sich gegenseitig.
Telefonischen Kontakt mit Daheim nahmen wir durch die im Keller stehenden drei Telefonzellen auf, vor denen sich abends Schlangen bildeten, was die Gesprächsdauer auf ein Minimum reduzierte.
Bei der sonntagabendlichen Anreise erschienen zuerst die mit orangefarbenen Vorhängen verhängten erleuchteten Fenster und es fühlte sich ehrlicherweise nicht so an, als würde man auf eine seriöse Einrichtung der Justiz zufahren. Die ebenfalls in sattem Orange gehaltenen Zimmertüren taten ihr Übriges und erzeugten diesen besonderen, unvergesslichen „Brakel-Charme“.
Das Schönste jedoch, was ich neben meinem Wissen aus diesen sechs Monaten mitgenommen habe, sind viele sehr lustige Erinnerungen und die wunderschöne Freundschaft zu einem besonderen Menschen, der seither meinen Lebensweg begleitet.
Zwischen 1997 und dem Jahr 2000 durfte ich mich sodann als Anwärterin bei der FHR in Bad Münstereifel „einmieten“. Hier stand ehrlicherweise das Lernen an erster Stelle und das Freizeitvergnügen stand brav hintenan. Dieses war jedoch in der Gemeinschaft nicht weniger schön, wenn ich an das Sportfest, die Karnevalsfeier, Kegelabende und vor Allem die Abende bei und mit Sonja denke.
Nach dem ersten Kulturschock über die gemeinschaftlichen sanitären Anlagen in der FT I war das Entzücken in der FT II über die Unterbringung in der luxuriösen „neuen FH“, heute BAM II umso größer. Wenn dies damals jedoch das größte Problem war, ist es wohl unterm Strich recht gut ausgegangen.
Das Wichtigste für mich, auch aus dieser Zeit ist, dass mich seither zwei weitere wunderbare Menschen in meinem Leben begleiten, mit denen mich eine tiefe Freundschaft verbindet.
Was die JAS und die FHR eint, ist, dass die Anwärter/innen in ihrer Lebensphase, die sie in egal welcher Einrichtung der Justiz verbringen, auf so viele Gleichgesinnte in ihrem Leben treffen, wie vermutlich nie wieder in ihrem normalen Arbeitsalltag. Eine wichtige Rolle spielen auch die Lehrkräfte und Dozenten, die durch ihre ganz eigene Art, ihren Humor und ihre Lebenshaltung Einfluss auf „ihre“ Anwärter nehmen.
Nun bin ich seit Januar 2022 als Lehrkraft am Ausbildungszentrum der Justiz in Essen tätig und genieße meine Tätigkeit sehr. Es ist schön, die Möglichkeit zu haben, etwas weiterzugeben. Damit meine ich nicht nur das reine Fachwissen. Ich möchte den heutigen Anwärtern auch das Bewusstsein vermitteln, dass sie sehr selten in ihrem Leben mit so vielen jungen gleichgesinnten Leuten zusammentreffen werden. Sie sollten diese Chance abseits des Schreibtisches nutzen und die Zeit genießen. Instagram, TikTok und Co. warten auch nach den 3-monatigen fachtheoretischen Abschnitten noch. Und so müssen alle Anwärter, die ich unterrichte, wohl oder übel einmal meine warmen Worte über sich ergehen lassen, auch wenn ich mich redlich bemühe, nicht wie eine Veteranin von „guten alten Zeiten“ zu schwärmen.
Ein Studienbeginn zwischen Gemeinschaftsdusche, Mauerfall und Aufbruch
Zur Vorbereitung auf diese ehrenvolle Aufgabe habe ich mir meine Bilder aus Bad Münstereifel aus 1989 angesehen. Im Kino liefen „Rain Man“ und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, im Radio „I want it all“ von Queen, „The Best“ von Tina Turner und David Hasselhoff war auf der Suche nach Freiheit. Richtig Achtziger!
Für mich persönlich war es ein besonderes Jahr: Im Mai Abitur, im Juli der erste Urlaub mit meinem Schatz und im August der Start meiner Ausbildung zur Rechtspflegerin. Im September dann das Kennenlernen mit der Jubilarin, damals: der Fachhochschule für Rechtspflege des Landes Nordrhein-Westfalen.
Damals gab es noch den Einführungsmonat, so dass wir erst Anfang September das fachtheoretische Studium aufgenommen haben. Durch diese Aufwärmphase kannten wir schon die Studierenden aus der Heimat. In Studium I ging es noch ganz gemütlich los. Die Unterrichte fühlten sich an wie Schule. Wir waren rundum versorgt – jedenfalls diejenigen, die wie ich am Hauptstandort wohnen konnten – und aufgrund der Doppelzimmer und Gemeinschaftsduschen konnte wirklich niemand verloren gehen. Zum Ende des Jahres, als in der Woche vor den Weihnachten gleich vier Klausuren zu absolvieren waren, hat die Sache dann Fahrt aufgenommen. Aber das haben wir auch zusammen hinbekommen.
Ich habe aus der Zeit nur Fotos gefunden, auf denen wir feiern, aber natürlich haben wir auch oft über den Skripten gehangen – wir hatten ja überwiegend noch nicht einmal Fernsehen auf unseren Zimmern! So auch an einem Vizepacktach (also einem Donnerstag) Abend im November. Ich bekam einen Anruf von meiner Schwester und wurde zum Flurtelefon gerufen. Ob zu Haus etwas passiert ist? „Kriegst Du da in der Eifel hinter dem Friedhof eigentlich mit, was in Berlin los ist?“ tönte es aus dem Hörer. Tatsächlich. Ich hatte natürlich noch nicht mitbekommen, dass die neue, großzügige Reiseregelung „ab sofort, unverzüglich“ gelten sollte. Wir haben uns dann auf ein Zimmer mit Fernseher begeben und konnten die unglaublichen Bilder vom Grenzübergang Bornholmer Straße sehen. Seit ich denken konnte, kannte ich nur den kalten Krieg.
An diesem Abend war für mich nicht zu erahnen, dass ich schon zwei Jahre später im Studium II – inzwischen war „Wind of change“ von den Scorpions in den Charts – zahlreiche AnwärterInnen, die aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zum Studium nach NRW gekommen sind, auf der Begrüßungsparty kennen lernen würde, dass die Fachhochschule ihre Kapazitäten in kürzester Zeit vervielfacht und dass ich 1994 die Chance bekommen würde, als junge Rechtspflegerin nach Mecklenburg-Vorpommern zu gehen, um mich im Grundbuch und einigen anderen Fachgebieten nützlich zu machen. Ich hatte das Glück, dass NRW neben dem Partnerland Brandenburg auch Mecklenburg-Vorpommern personell unterstützt hat. So konnte ich genau da arbeiten, wo mein Vater in den fünfziger Jahren – beeindruckt durch den 17. Juni 1953 – die Koffer gepackt hat, um in Nordrhein-Westfalen neu anzufangen.
In Mecklenburg-Vorpommern habe ich mit vielen sogenannten BereichsrechtspflegerInnen zusammengearbeitet. Ich habe nach wie vor großen Respekt für den Mut und den Pioniergeist, mit dem sie das große Grundbuchamt im kleinen Amtsgericht ins Laufen gebracht und Stück für Stück ihr Rechtspflegestudium in Etappen durchlaufen haben. In dieser Zeit war weithin spürbar, dass RechtspflegerInnen nicht auf dem Arbeitsmarkt warten oder vom Himmel fallen, sondern dass man sie gut und bedarfsgerecht ausbilden muss.
So steht für mich die Geschichte unserer Hochschule nicht nur für Ausbildung, sondern auch für Aufbruch, Chancen und gelebten Zusammenhalt – und ich wünsche ihr, dass sie auch in Zukunft viele Generationen von Rechtspflegerinnen und Rechtspflegern auf ihrem Weg prägt.
Sigrid Hellweg
Leiterin des Ministerbüros im Ministerium der Justiz Nordrhein-Westfalen
Keine Sorge, wir vorher auch nicht. Aber diese beiden Vokabeln sollten auf jeden Fall sitzen, bevor ihr in Bad Münstereifel aufschlagt – sie gehören quasi zum Grundrepertoire dazu.
Also der Vizepacktag, das ist der Mittwoch, hier werden schon mal alle Sachen bereitgelegt, die Wochenendplanung gestartet und – falls erforderlich – die letzten Kleidungsstücke gewaschen.
Donnerstag ist Packtag. Alles rein in die gute Tasche, das keine Miete zahlt, Handyladegerät nicht vergessen, ein Alibi-Lernbuch (man will ja guten Willen zeigen) und die richtigen Fummel für den Samstagabend eingepackt.
Dann ist er da, der große Tag: Freitag! Freitags heißt es ab 13.30 Uhr: die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Spätestens in der großen Pause wurde bereits schnell der Koffer im Mitfahrauto verstaut und ab ins Wochenende! Nach Hause!
Also erst der Vizepacktag, dann der Packtag und dann: Tschau bis neulich, Montag sehen wir uns alle wieder!
Aus der Chronik zum 25-jährigen Bestehen der Fachhochschule
[…] Auch sei daran erinnert, dass es für die Studierenden Pflicht war, an den „Wandertagen“, die als dienstliche Veranstaltungen ausgewiesen waren, ausgiebig die Gegend zu erkunden. Die Begeisterung hielt sich bei längeren Wegs’trecken in Grenzen, schlug dann aber bei der Einkehr in eine ausgesuchte „Gastlichkeit“ schlagartig um.
Auf Betreiben des Studierenden F.J.W… mann, der sich in den Verwaltungsvorschriften sehr gut auskannte, musste 1978 der Wandertag geopfert werden. Dafür wurde monatlich ein studienfreier Tag eingeführt, damit zu Hause Behördengänge, Arztbesuche o.ä. erledigt werden konnten. Trotzdem wurde von mehreren Gruppen nunmehr am Nachmittag der Weg freiwillig zur Steinbachtalsperre eingeschlagen, ein feuchtfröhlicher Kegelabend zwecks Entspannung veranstaltet, oder eine Fußgänger- oder Autorallye durchgeführt.
Selbst Studierende, die ansonsten schwer von Schreibtisch, Schönfelder und Skripten losgeeist werden konnten, haben derartige Exkursionen nie bereut. Allerdings wurde eine Wanderung zur Steinbachtalsperre unter der Leitung des erfahrenen Kollegen Peter D. zu einem besonders einschneidenden Erlebnis.
Im November des Jahres 1999 startete man an der FH um 15.00 Uhr und genoss später nach .zügigen Schritten im Lokal an der Talsperre den wärmenden Glühwein ohne zu bemerken, dass die Dämmerung schon bald einbrach. Es kam, wie es kommen mus$te! Auf dem Rückweg verlief sich die gesamte Gruppe im Wald am Giersberg und irrte hilflos durch das Dickicht und die Felder. Zum Glück konnte die Beleuchtung vom Münstereifelkaufhaus als schwache Orientierungshilfe dienen. Die FH erreichte man dann in später Nacht und schlief völlig geschafft ein. Trotzdem möchte keine(r) der Teilnehn1erlnnen diesen Tag missen, denn er hat die Truppe zusammengeschweißt.
Frau Breitschädel und Studierende der R201/99
Besonders informativ waren auch die Stadtführungen durch Bad Münstereifel unter der höchst kompetenten und humorvollen Leitung von Frau Breitschädel. […]
Bereits im Jahr 1991 wurde die Fachhochschule in die Grundbuchautomation eingebunden. In NRW begann sie mit der Einführung einer UNIX-basierten Software namens „SOLUM“ bei den Amtsgerichten Düren und Bielefeld. Beteiligt an dieser Einführung waren die damaligen Kollegen Bernhard Gutschmidt, Heinz Heck, Ulrich Höppner und Robert Ramm, deren Aufgabe unter anderem die Schulung der Grundbuchmitarbeiter sowie deren Betreuung in der Einführungsphase war.
Im Jahr 1995 erhielt die Fachhochschule vom Justizministerium den Auftrag, die Pilotierung eines anderen Grundbuchverfahrens namens „FOLIA“ bei vier Testgerichten in NRW vorzubereiten und durchzuführen. Im Gegensatz zu SOLUM handelte es sich bei FOLIA um eine zu dieser Zeit modernere Windows-basierte Anwendung, die zunächst für die Justiz in Baden-Württemberg entwickelt wurde. Ziel der Pilotierung in NRW war ein Vergleich der beiden Softwarelösungen.
Wenige Monate zuvor – im August 1994 – hatte ich von der Staatsanwaltschaft Bonn zur Fachhochschule gewechselt, und zwar für – wie man damals sagte – „ADV-Tätigkeiten“. Und so wurde ich Mitglied der FOLIA-Arbeitsgruppe an der FHR NRW. Zusammen mit den Kollegen Hans-Jörg Delhaes, Bernhard Gutschmidt, Heinz Heck, Robert Ramm und Fred Telschow erstellten wir unter der Leitung von RiOLG Ulrich Höppner die fachlichen Vorgaben für die Anpassung und Weiterentwicklung der Software, führten deren Installation an der Fachhochschule durch und testeten die Versionen, die uns der Softwarehersteller zur Verfügung stellte. Neben Baden-Württemberg war auch schon bald die Justiz Schleswig-Holsteins auf FOLIA aufmerksam geworden. Nun galt es, die bereits bestehende Software auf die Bedürfnisse dieser drei Länder anzupassen.
Im Lauf der Zeit wurde schnell klar, dass Daten, die die Katasterämter infolge der Mitteilungen nach § 55 GBO über Flurstücke und Eigentümer speicherten, extrem hilfreich für die Speisung der FOLIA-Datenbank sein würden. Daher sollte eine Schnittstelle implementiert werden, die einerseits für das jeweilige Grundbuchamt einen Grunddatenbestand (Grundbücher – Grundstücke – Flurstücke – Eigentümer) einlesen konnte und andererseits geänderte Daten nach erfolgten Grundbucheintragungen wieder an die Katasterämter übermittelte. Die Betreuung dieser Schnittstelle und – zusammen mit Heinz Heck – die Systemverwaltung wurden zu meinen Schwerpunkten in der FOLIA-Arbeitsgruppe.
Mitte 1996 fanden dann die ersten Schulungen für die Bediensteten der Pilotgerichte statt. Unsere Arbeitsgruppe bereitete damit sowohl die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Grundbuchämtern selbst, wie auch die Systemverwalter und Systemverwalterinnen vor Ort auf Ihre neue, tägliche Arbeit mit dem Verfahren FOLIA vor. Eine zentrale Systemadministration – wie sie heutzutage durch den ITD stattfindet – gab es zu dieser Zeit noch nicht. Die erste Installation „außer Haus“ haben wir im November 1996 erfolgreich abschließen können, sodass das Amtsgericht Siegburg am 4. November 1996 als erstes Gericht in NRW seine Arbeit mit FOLIA aufnehmen konnte. In der Anfangsphase war für ca. 4 Wochen stets ein Teil unserer FOLIA-Arbeitsgruppe vor Ort, um bei etwaigen Schwierigkeiten sofort Hilfestellung zu leisten.
In der Folgezeit kam FOLIA auch in drei weiteren Pilotgerichten zum Einsatz, und zwar in den Amtsgerichten Siegen, Minden-Lübbecke und Duisburg. Die Pilotierung zeigte, dass es sich bei FOLIA um eine Software handelte, die nach einer kurzen Einarbeitungszeit eine gute Unterstützung bei der Bearbeitung des Grundbuchpensums bieten konnte und zu Erledigungszeiten von unter einer Woche führte.
Der Test zeigte, dass auch diese Softwarelösung grundsätzlich brauchbar war, aber dennoch eine Anpassung an nordrhein-westfälische Bedürfnisse erforderte. Unter anderem erhielt ich hier den Auftrag, in einem Fachkonzept die besonderen Anforderungen zum Datenaustausch zwischen Grundbuch und Katasteramt zu beschreiben. Ergebnis nach ca. drei Monaten war ein umfangreiches Werk, dass in der Folgezeit auch in anderen Bundesländern Interesse fand.
Auch die Folgejahre (1999 bis 2002) standen weiter im Zeichen von FOLIA: Die Software wurde nicht nur weiterentwickelt, sondern fand auch in immer mehr Amtsgerichten ihren Einsatz. Auch wenn im Jahr 2000 seitens des Justizministeriums NRW beschlossen wurde, sich nicht der durch Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein forcierten Weiterentwicklung eines FOLIA-basierten Datenbankgrundbuchs anzuschließen, sondern in Zukunft stattdessen SOLUM II / SOLUM-STAR in den Grundbuchämtern einzusetzen, wurde FOLIA letztlich in über 50 Grundbuchämtern NRWs als Übergangslösung genutzt. Unsere Aufgaben veränderten sich über die Jahre: Wir waren nun nicht mehr diejenigen, die vor Ort installierten und die Anwender schulten und betreuten. Stattdessen bildeten wir Multiplikatoren aus, die ihr erworbenes Wissen in den Behörden weitergaben. Zur Betreuung wurde an der Fachhochschule jedoch eine Hotline eingerichtet, die neben dem BIT Unterstützung leistete.
Mit der sukzessiven Ablösung von FOLIA in den Gerichten NRWs wandelte sich unsere Arbeit an der Fachhochschule weiter. Über die Jahre gingen abgeordnete Kollegen an ihre Stammdienststellen zurück. Wir – die an der Fachhochschule angesiedelten Kollegen – übernahmen zum Teil neue, zum Teil aber auch wieder unsere früheren Aufgabengebiete (Lehrtätigkeit/ Verwaltungsaufgaben).
Insgesamt war es eine sehr interessante und lehrreiche Zeit, auf die ich sehr gerne zurückblicke.
Alexandra Zimmermann
Dozentin an der Hochschule der Justiz Nordrhein-Westfalen
Die Klasse 5/1975 wurde noch unter den Bedingungen der Rechtspflegerschule gebildet. Wie unkompliziert der Schriftverkehr damals gestaltet war, zeigt ein Schreiben vom 9. September 1975.
Ein besonders originelles Zeugnis jener Zeit ist jedoch die „Todesanzeige“, mit der sich die Klasse 5 am 29. Oktober 1976 – zum Ende des Studiums I – von der inzwischen gegründeten Fachhochschule für Rechtspflege verabschiedete.
Nach 12 kräftezehrenden Monaten Studium I war die Klasse 5 im Oktober 1976 zum Glück nur scheintod. Schon zwei Jahre später haben sich allen Widrigkeiten zum Trotz 20 quicklebendige Rechtspfleger-Anwärter/innen erfolgreich dem Examen gestellt.
Zehn von ihnen haben sich 50 Jahre nach Studienbeginn im Oktober 2025 an alter Leidensstätte wiedergetroffen und dabei auch Kosten-Helga begrüßt, die sich allerdings an Geldspenden nicht erinnern konnte.
Klaus Hermann
Geschäftsleiter des Landesarbeitsgerichts Köln i. R.
Während der fachpraktischen Ausbildung haben einige Studierende des Fachbereichs Rechtspflege und des Strafvollzugs unter der Begleitung von Professor Dyrchs und Herrn Mazurkiewicz in der Zeit vom 21.-29.09.1996 eine Studienfahrt nach Rom unternommen.
Am Montag, den 21.09. ging es um 6 Uhr in der Frühe von Köln aus mit dem Bus los, in Richtung Süden. Auch wenn viele Wege nach Rom führen, so sind diese dennoch sehr weit von Germanien aus. So machten wir einen Zwischenstop in Welsberg/Südtirol, und setzten erst am nächsten Tag unsere Reise fort.
Nachdem wir die majestätischen Berge hinter uns gelassen hatten, fuhren wir durch die flache Po-Ebene, vorbei an Verona, Modena und Bologna, wo es dann langsam wieder bergig wurde. Nachdem wir die Kuppel des Florentiner Doms hinter uns gelassen hatten, war es nicht mehr weit bis zur ,,Ewigen Stadt“. Um ca. 20 Uhr erreichten wir dann unser etwas außerhalb der Stadt gelegenes Hotel „Rouge et Noir“.
Das offizielle Rahmenprogramm bestand für den Fachbereich Rechtspflege unter anderem in einem Besuch des Justizministeriums, bei dem wir Gelegenheit hatten, mit einem Vertreter des Ministeriums zusammenzutreffen. Unter zu Hilfenahme einer Dolmetscherin wurden uns die Grundzüge des italienischen Rechts vermittelt. In einer anschließend regen Diskussion wurden die Rechtssysteme Deutschlands und Italiens verglichen.
Für den Fachbereich Strafvollzug stand unter anderem ein Besuch im kriminalhistorischen Museum auf dem Plan, bei dem die Teilnehmer auf den historischen Spuren ihrer italienischen Kollegen wandern konnten.
Zwischen den offiziellen Programmpunkten blieb den Teilnehmern noch genügend Zeit, um die beeindruckende Stadt auf Schusters Rappen zu erkunden. Dabei blieb es dem einzelnen überlassen, welchen Schwerpunkt er auf seiner Erkundungstour legt: Entweder auf das Rom der Antike mit seinen zahlreichen Relikten, wie z.B. dem Kolosseum, dem Forum Romanum, dem Kapitol oder dem Zirkus Maximus. Oder aber dem geistlichen Rom mit dem Petersdom, der Sixtinischen Kapelle· oder der Basilika San Paolo Fuori, in der die Bilder sämtlicher amtierenden Päpste zu sehen sind.
Aber auch für den Genießer bot Rom jede Menge: An der Spanischen Treppe mit Touristen aus aller Herren Länder zusammenzutreffen, über die Ponte San Angelo zu flanieren, in den exklusiven Geschäften seine Lire unter die Leute zu bringen, und anschließend die Füße ausruhen zu lassen in einem der vielen Straßencafes, um dann am Abend zum Trevibrunnen zu schlendern, der einen im gleißenden Licht willkommen hieß. Kurz gesagt war für jeden Geschmack etwas dabei!
An unserem letzten Tag hatten wir die Möglichkeit, mit Professor Dyrchs nach Ostia zu fahren. Nach einem kurzen Abstecher in das heutige. Ostia ging es in die antiken Stadtruinen der heute verlandeten Hafenstadt. Die zum Teil noch phantastisch erhaltenen Bauten gaben ein lebendiges Zeugnis vom Leben dieser Stadt: Badehäuser, Einkaufsstraßen, ein Theater, ein Wirtshaus mit „Cervisia-Garten“ und Springbrunnen u.v.a.
Aber so wie jede Reise einmal zu Ende geht, so erging es auch dieser!
Am Samstag, den 28.09. ging es wieder Richtung Heimat. Nach erneuter Station in Welsberg ging es am nächsten Morgen weiter nach Norden. Um etwa 21 Uhr kamen wir in der Domstadt am Rhein wieder an, 2 Tagesfahrten von der am Tiber entfernt. Aber jeder Teilnehmer hat eine Münze in den Trevibrunnen geworfen, als Zeichen, dass er bestimmt wiederkommt. Darauf lege ich meine Hand in den Bocca delle Verita, den der Poet Giuseppe Gioacchino Belli sagen lässt:
In diesen Mund steckst du die Hand, Und wird sie beim Herausziehen nicht geschnappt, dann warst du ehrlich, so wird’s anerkannt. Steckt sie ein Lügner rein, si.ehf s anders aus: Der merkt ganz schnell, jetzt hat er Pech gehabt, Die Hand bleibt drin, die kriegt er nicht mehr raus.
Arrivederci, Roma
Susanne Koch
Stv. Geschäftsleiterin an der Hochschule der Justiz Nordrhein-Westfalen
Wie würde der erste Schritt zweier Pädagogen an der Fachhochschule für Rechtspflege klingen, betrachtet durch die Linse eines Science‑Fiction‑Epos? Zwei Wissensreisende landen auf einem Planeten, der zwar von instabilen pädagogischen Energiefeldern durchzogen ist, dessen juristische Atmosphäre ihnen jedoch völlig fremd ist. Aus dieser Mischung entsteht diese Sci‑Fi‑Analogie: ein Erstkontakt zwischen zwei Wissenskulturen.
Wir schreiben das Jahr 2021, Sternzeit 09152021 Logbuch der bemannten Raumsonde Comenius V. Eintrag HATT-13-252. Aufgrund eines Notrufsignals hat die Comenius V Kurs auf den Nomos Sektor genommen. Unkartographiertes Gebiet weit ab/Lichtjahre entfernt von den sich stets wandelnden didaktischen Hyperlanes.
Die beiden Wissenschaftsoffiziere Lara Treely und Dr. Sparrow erkunden unbekanntes Terrain. Die Planetenatmosphäre ist atembar und es kann wahrscheinlich auf künstliche Lebenserhaltungssysteme an Bord und Schutzanzüge bei den Außeneinsätzen verzichtet werden. Lediglich die Versorgung mit Trinkwasser ist gestört, und daher muss palettenweise von außen H2O importiert werden. Üppige Vegetation überzieht weite Areale des Geländes. Gleichzeitig ist das Terrain in völlig unterschiedliche atmosphärische Zusammensetzungen und Klimazonen aufgeteilt.
Es bedarf einiger Kalibrierungsvorgänge, um die Übersetzungsmodule auf den eigenwilligen Dialekt der Bewohner anzupassen und Störungen in der Kommunikation zu vermeiden. Die ersten Begegnungen mit den Bewohnern sind keinesfalls hostil, sondern äußerst positiv und friedlich. Konflikte werden hier anscheinend nicht durch Phaser, sondern durch Diplomatie und das Hinterfragen moralischer Prinzipien gelöst, ganz im Sinne der galaktisch-didaktischen Doktrin, anders als bei der Tarkin Doktrin (Imperiales Kommuniqué #001044.92v), welche Ähnlichkeiten mit der chinesischen Philosophie des Legalismus aufweist.
Es gibt allerdings Berichte zu einem Ritual namens „Lehre“, das die Bewohner regelmäßig zelebrieren und bei dem einige Teilnehmende so wirken, als wären sie von einem auf „Betäubung“ eingestellten Phaser getroffen worden.
Ziel der Bewohner ist es, die Anbindung an die didaktischen Hyperlanes mit Hilfe der beiden Forscher schneller weiter auszubauen und die speziellen Truppen für den Außeneinsatz optimal vorzubereiten, um die Anzahl an sogenannten Redshirt-Ereignissen zu minimieren. Auch wenn mancher Veränderungsprozess eher wie ein Kobayashi-Maru-Szenario wirkt, trägt die gemeinsame Arbeit bereits zahlreiche Früchte. Weitere Ausführungen folgen – Logbucheintrag OVER…
Montag, den 03.08.2015 um 10:00 Uhr in Raum A 006 beim Oberlandesgericht Hamm. Aushändigung der Ernennungsurkunde. Montag, den 03.08.2015 bis 15:30 Uhr Fachhochschule für Rechtpflege. Antritt zum fachwissenschaftlichen Studium I. Aktenzeichen 23 – I. 19.1. Ein Verwaltungsvorgang, eine Einladung und eine Dienstreisegenehmigung. Ordnung muss sein.
Bereits vor der Vereidigung war eine ganze Menge an Papierkram zu erledigen: Belehrung über die Anwärterbezüge, Datenschutzerklärung, Merkblatt zum Krankenversicherungsschutz, Erklärung zur Verfassungstreue, Reisekosten, allgemeine Hinweise für Anwärter, Pflicht der Justizangehörigen zur Verschwiegenheit sowie die Vereinbarung zur Unterbringung und Verpflegung.
Mit meinem Vater bin ich am Morgen des 03.08.2015 nach Hamm zum Oberlandesgericht gefahren. Ich war aufgeregt. Seit dem Bewerbungsgespräch beim OLG Hamm sind gut neun Monate vergangen. Eine Zeit, in der ich das Abitur erfolgreich bestanden habe und mit der Zusage der dualen Ausbildung den Abiturprüfungen mit einer gewissen Gelassenheit begegnete. Während ein Teil meiner Freunde zielstrebig an die Universität gehen wollte, war ein anderer Teil unentschlossen, was mit der neuen Freiheit nun anzufangen war. Ich hatte mich frühzeitig entschieden, beim Land NRW ein duales Studium der Rechtspflege anzustreben.
Zu Beginn des neuen Kapitels folgte eine nüchterne Veranstaltung in einem Raum, in dem ich niemanden kannte. Grußworte und Aushändigung der Urkunden. Danach wurde der Amtseid abgenommen. Es wurde ernst, es ging los. Das Auto war bereits vollgepackt mit Sachen, die ich für die ersten Tage in Bad Münstereifel brauchte. Bereits mit der Einladung wurden wir angehalten, die Taschenbuchausgabe des Deutschen Beamten-Jahrbuchs Nordrhein-Westfalens mitzubringen. Eine Herausforderung, wie sich herausgestellt hat. Erst im dritten Laden habe die aktuelle Ausgabe erhalten. Wieso wir das allerdings schon bei der Anreise im Gepäck haben sollten, ist mir auch rückblickend nicht klar geworden. Die Gesetzessammlung „Schönfelder – Deutsche Gesetze“ konnte vor Ort bei der Verwaltung zu einem rabattierten Preis gegen Barzahlung erworben werden. Ein digitales Lernen war noch in weiter Ferne. Stattdessen wurden Gesetzestexte ausgedruckt und abgeheftet. Der Schönfelder war der stetige Begleiter des dreijährigen Studiengangs. Mit bunten Zetteln wurde wild markiert, damit die Gesetze schneller gefunden werde konnten. Während einige meiner Kollegen sich jedes Jahr eine neue Ausgabe gekauft haben, steht mein damals erworbenes Exemplar noch immer in meinem Büro. Nur mit den Ergänzungslieferungen habe ich es irgendwann nicht mehr so genau genommen. Das nennt man dann wohl Digitalisierung der Justiz.
Der Parkplatz an der Hermann-Pünder-Straße war bereits voll. Es liefen Studierende herum, Neulinge und Eltern mit Kisten und Wäschekörben unter dem Arm. Ich war an der FH 2 untergebracht. Von außen hatte es den Anschein eines gewöhnlichen Mehrfamilienhauses inmitten einer Wohngegend. Mein Zimmer war auf der zweiten Etage. Viel Zeit für das Einrichten war allerdings nicht. Nach der Übergabe der Schlüssel in der Verwaltung mit einer Begrüßungsmappe wurden von uns eine Haar- und Speichelprobe abgenommen sowie Fotos gemacht. Die Speichel- und Haarprobe diente dem Erkennungsdienst und war natürlich freiwillig. Da der Drogen- und Alkoholkonsum auf dem gesamten Gelände nicht erlaubt seien und für einen angehenden Beamten ungebührlich, wurden wir auf eine harte Zeit eingestimmt. Außerdem wurden wir dazu angehalten, uns umziehen. Der Dress-Code hieß: weißes Oberteil, dunkle Hose. Beides war nicht in meiner Tasche. Stress kam in mir auf. Ich habe nicht so ganz verstanden, wieso uns Neulingen nicht mehr Zeit eingeräumt wurde zum Ankommen. Aber der damalige Direktor der Fachhochschule, Dr. Benjamin Limbach, hatte zur Begrüßung in die Aula geladen – in die FH 1. Auf dem Weg über die Bundestraße, die Erft und den Sportplatz folgten die ersten Kontakte zu den neuen Kolleginngen und Kollegen. Wir waren alle ein wenig irritiert über die harten Kontrollen, den Dress-Code und den Stress, der uns angetan wurde. Hieß es doch noch am Morgen in den jeweiligen Oberlandesgerichten, wie beschaulich und ruhig wir es in Bad Münstereifel haben werden. Außerdem wurde uns direkt zu Beginn aufgetragen: „Wir brauchen Sie!“. Angesichts der knappen Personalstellen, der errechneten Verrentungen und Pensionierungen und der stetig steigenden Herausforderungen an eine moderne Justiz, seien wir für die Zukunft unerlässlich. Wenn man so mit der Zukunft umgehen will, hatte ich keine Fragen mehr, wieso meine Freunde nicht von der eingeschlagenen Beamtenlaufbahn begeistert waren und Witze über den öffentlichen Dienst rissen.
Eine kleine Gruppe von Leuten lief also zur FH 1, suchte die Aula und kam zu spät. Die Rede hatte bereits begonnen, als wir die Tür aufzogen. Schnell und leise setzen wir uns in die hinteren Reihen. Dieser Umstand trug nicht zur Aufheiterung unserer Gemüter bei.
Vor der Bühne standen sechs Personen, die als Studiengruppenleiter vorgestellt wurden. Wir waren sechs Studiengruppen, R101 bis R106. Namen waren wie Schall und Rauch. In unserer kleinen Gruppe rätselten wir, zu welcher Studiengruppe wir gehörten. So richtig hatte es keiner auf dem Schirm. Wir waren durch Haar- und Speichelprobe, Fotos, Zimmerschlüssel, Dress-Code und den Weg zwischen den beiden Standorten zu beschäftigt, um in unsere Umschläge zu schauen. Auf dem Weg hatten wir aber schon festgestellt, dass wir alle im gleichen Wohnhaus untergebracht waren. So entschieden wir, einfach zu warten und zu schauen, wo am Ende noch einige Personen zu fehlen schienen und gesellten uns dazu. Unser Instinkt hat uns nicht getäuscht, wir waren in der R106. Zusammen wurden wir in unseren Seminarraum begleitet. Dort wurden wir von Kolleginnen und Kollegen aus dem Studium II erwartet. Es erfolgte ein Test mit Fragen, von denen ich die Antworten nicht verstanden hatte. Es diente wohl einem Leistungsabgleich zu Beginn des Studiums. Anschließend erschien ein Dozent – von Beruf Staatsanwalt – und stellte nochmal die Hausordnung dar sowie die drakonischen Strafen. So langsam kam dann das Gefühl hervor, dass die ganze Sache mit den Haar- und Speichelproben, den Fotos, des Dress-Codes, Leistungstest und Strafregister eine Willkommens-Überraschung der Kolleginnen und Kollegen aus Studium II war. Die Kolleginnen und Kollegen haben sich viel Mühe gemacht und wir sind tatsächlich – zumindest stellenweise – drauf reingefallen.
Spätestens als wir wieder herunter zur FH 1 gelaufen waren, mit unseren wartenden Eltern die restlichen Sachen ausgeräumt hatten und wir in Ruhe angekommen sind, hieß es Orientierung finden. Auf den Fluren hörte man Stimmen und das Öffnen von Kaltgetränken. Allein und Einsam war es nicht. Sofort hatte man Zugang zu den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern, tauschte sich über die heutigen Erfahrungen aus und lernte sich kennen.
Man verabredete sich für eine Uhrzeit, um am nächsten Morgen zusammen zur FH 1 zu laufen. Dort erfolgte der Unterricht und so hieß es über 12 Monate hinweg, jeden Morgen rauf und jeden Mittag runter. Die bunten Essensmarken in der Kantine abgeben und sodann rein in das fachwissenschaftliche Studium 1 – Doppelstunde „allgemeines bürgerliches Recht“ mit Dr. Binder, unserem Studiengruppenleiter.
Auch das Programm während der drei Jahre mit Sportfest, Karneval, Weinprobe, Weihnachtsmarkt, Mensa-Party, bei Sonia an der Theke und die gemeinsame Zeit zusammen haben uns als Gemeinschaft geformt. Eine tolle Gruppe von Menschen aus ganz Nordrhein-Westfalen, zu einigen dieser Leute habe ich bis heute Kontakt.
Zum Ausbildungsjahr 2015 wurden insgesamt 129 Studierende für den Fachbereich Rechtspflege zugelassen. Ich war einer davon.